Einst strahlend und blühend thronte die Wolfsfeste auf den höchsten Gipfeln der Südgrenze, und schützte Reisende wie Bewohner der umgebenden Hütten mit starker aber gerechter Hand. Dem Burgherren Darton von Wolfsberg und seiner Frau Agosi sagte man nach, sie seien aus tiefstem Herzen der Imaeath ergeben, und auch deren Sohn Dartagon sollte die Frömmigkeit der Eltern in die Wiege gelegt bekommen haben.
So wuchs der junge Dartagon zu einem strammen, redlichen Recken heran, doch sein Vater Darton wurde älter und älter, und eines Tages rief er seinen Sohn ans Sterbebett, um ihm seinen letzten Willen zu offenbaren.
"Höre mir gut zu, und merke dir ein jedes Wort, Sohn" sprach Darton kaum lauter als einem Flüstern gleich, "An deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag werden drei Männer in schwarzen Roben erscheinen, die Augen von rotem Feuer gefüllt, die Haut weißer als ein Knochen. Und du, Sohn, musst ihnen eine Jungfer von jungen Jahren geben, das reinste Geschöpf im ganzen Dorf. Sie werden sie mitnehmen, und das Land wird weiter blühen und gedeihen, und du wirst ein großer Anführer werden, dessen Volk treu ergeben und rechtschaffen ist."
Dartagon erbleichte ob der unglaublichen Tat die sein Vater verlangte, doch sprach der sterbende Alte energisch wenn auch leise weiter.
"Tust du es nicht, so wird sich der Schlund der Niederhellen auftun und die Burg und alle die darin leben verschlingen, und du, Dartagon, wirst niemals in Imaeath's Reich eintreten können!"
Mit diesen Worten bot Darton seinem bleichen, verstörten Sohn einen Ring mit einem Rubin geformt wie ein Herz und rot wie Blut dar.
"Nimm diesen Ring, Dartagon, und verliere ihn niemals! Er soll deine Seele schützen und ihr zur Zeit des jüngsten Gerichts den Weg weisen.
Gräme dich nicht, Sohn, ich bitte dich. Du wirst die Jungfer erkennen, und wissen dass sie es ist die geopfert werden muss. Es ist keine Sünde, denn in jenem zarten, vollendeten Leib ruht eine Seele des Bösen, die Unheil und Tod über ihre Lieben bringen wird, wenn du sie nicht preisgibst."
Mit den letzten Worten war Darton's Stimme immer leiser geworden, und schliesslich tat er seinen letzten Atemzug, und wisperte ein letztes Mal: "Merke dir ein jedes Wort... tu wie dir geheissen!"
Fünf Jahre später waren die Worte seines verstorbenen Vaters bereits nur noch eine ferne Erinnerung für den jungen, aufstrebenden Burgherren, doch trug er stets den Herzrubin.
Das Land blühte und gedieh, und selbst eine Dürreperiode hatte dank der weisen Voraussicht des neuen Burgherren niemanden in Hungersnot gestürzt. Stetig wanderten neue Bewohner hinzu, und als schliesslich der Platz zur Neige ging, war es an der Zeit, die nächste Volkszählung durchzuführen.
Dartagon, der sich als einen Mann des Volkes sah, war stets anwesend, begrüsste neue Bürger, wechselte einige Worte mit den Alteingesessenen...
Als jedoch ein Witwer mit seiner jungen Tochter vortrat, um sich auf die Bürgerliste setzen zu lassen, traf Dartagon der Anblick der jungen Frau wie ein Blitzschlag.
Nicht nur war sie bezaubernd schön, sie hatte auch eine reservierte, zurückhaltende Art, die ihn vom ersten Moment an fesselte und sein Herz raubte. Im selben Moment jedoch erbleichte Dartagon, denn ihm war sofort klar geworden, dass sie die Auserwählte aus dem letzten Willen seines Vaters war. Die sterbende Jungfrau.
Lanysha.
Drei Nächte lang lief Dartagon schlaflos auf und ab, versuchte zu einer Entscheidung zu kommen, und gleichwohl die eindringlichen Worte seines Vaters zu bedenken. Doch es führte kein Weg daran vorbei, er hatte sich unsterblich verliebt, und sicherlich würde er dahinsiechen und sterben, so er dieser jungen Maid Leid antun müsste. Doch die Zeit drängte, denn bereits in sieben Tagen war sein fünfundzwanzigster Geburtstag, und so sein Vater wahr gesprochen hatte, würde seine geliebte Lanysha ausliefern müssen.
So traf Dartagon die Entscheidung, die schlussendlich zu seinem Verhängnis und dem all seiner Untergebenen wurde.
Die Nacht, an welcher die drei schwarz Berobten zu ihm gekommen waren, würde Dartagon niemals vergessen. Dreimal hatten sie gesagt, er müsse die Jungfer übergeben, und dreimal hatte er sich entschlossen und aufrecht widersetzt. Nach dem dritten Mal hatte einige unendliche Momente Schweigen geherrscht, und dann hatte der Vorderste der Drei gesprochen. "So sei es."
Mit einem Donnergrollen waren sie verschwunden, und die Angst war Dartagon bis zum Sonnenaufgang in den Knochen gesessen, als würden Höllenhunde hinter ihm herhetzen.
Ein Jahr lang fürchtete Dartagon einen jeden Schatten und ein jedes Geräusch im Dunkeln, doch als nichts passierte, und keine Katastrophe sein Land heimsuchte, konnte er sich schliesslich an seiner kalten, stillen Braut erfreuen. Immer noch fesselte ihn ihre Unnahbarkeit mehr als alles andere, und so vermochte es der Blick eines Liebenden nicht die Schatten im Herz seiner Frau zu erkennen.
Was Lanysha verlangte, bekam sie auch. Einen Garten in den höchsten Räumen der Burg, exotische Samen aus fernen Ländern, einen Leibmagier, exotische, dunkelhäutige Diener, die mit schwarzen, leeren Augen Alles und Jeden beobachteten, sie erhielt es ohne ein Zögern ihres Liebsten.
Erst als Lanysha eines Tages den Herzrubin verlangte, zögerte Dartagon, dem Wunsch seines Vaters zu widersprechen, und den Ring weiterzugeben. Doch als Lanysha vor Gram fünf Tage und fünf Nächte weinte und schluchzte, sodass selbst die Saiten ihrer Lyra zu singen und zu jaulen begannen, konnte er ihr Leid nicht länger mitansehen.
"Wenn Vater mit dem Ersten falsch lag, wer kann sagen dass er mit Zweiten nicht auch misslichen Rat gab?" dachte Dartagon bei sich, und schliesslich reichte er ihr den Ring, und Lanysha lachte und strahlte das erste Mal.
Wenige Tage später befiel das Land eine grausige Seuche, und raffte hunderte Bürger dahin. Einen Mond später brach ein Gewitter über das Land herein, das heftig genug war um alles Korn und Obst verfaulen zu lassen. Noch während die Heilerhäuser sich füllten, und die Hungernden ans Schloss betteln kamen, fielen Schwärme von Fledermäusen über das Land her, soffen an Mensch und Tier und verbreiteten dutzende weiterer Krankheiten. Kaum hörten die Sturzbäche auf, da rafften Buschfeuer Wälder, Sträucher und Kleinwild dahin.
Das Land starb, zerrüttet von Katastrophe um Katastrophe, und dass Dartagon hilflos zusehen musste wie sein Volk starb, trieb ihn in den Wahn.
So beschloss Dartagon eines Tages, den Dämon Jigarkhvar herbeirufen zu lassen, und versprach diesem drei Dutzend reiner Opfer, wenn er das Unheil aufhielte, und das Land von den Katastrophen befreie.
Jigarkhvar jedoch verlangte einen Pakt auf Blut und Seele, bevor dieser einwilligte, und kaum hatte Dartagon sein Blut auf den in Marmor gemeisselten Vertrag tropfen lassen, da begann die Erde zu beben, und die Berge spuckten Glut, Feuer und Gestein, als sie mit Donnergrollen die Burg und all ihre Bewohner verschluckten und hinabwürgten in die tiefsten Tiefen. Der Dämon hatte Dartagon betrogen, und so ließ dieser Jigarkhvar erneut herbeirufen.
"Dämon, du hast den Vertrag gebrochen! Sieh was du uns angetan hast, eingeschlossen in der Erde sind wir!"
Der Dämon jedoch ließ nur ein grollendes Lachen ertönen, und fauchte: "Du selbst hast dies zu verschulden, Dartagon, hast du doch das Herz deines Landes an die schwärzeste Seele geschenkt, die du finden konntest! Aber ich habe Wort gehalten, nie wieder wird die Natur deinem Land Schaden zufügen!"
Da erkannte Dartagon, was er tatsächlich getan hatte. Lanysha hatte den Herzrubin, das Herz seines Landes, und was ihre dunkle Seele wünschte, das widerfuhr auch seinem Volk dort oben. So lief Dartagon durch die Gänge und Räume, umgeben von der Schwärze der Bergtiefen, und suchte seine geliebte Frau, um den Herzrubin zurückzufordern.
Er fand sie erst Tage später, in den tiefsten Tiefen der versunkenen Feste, in den Katakomben, die er ihr für die Pilzzucht überlassen hatte. Nun herrschte dort Hitze, und Schwefelgeruch lag faulig in der Luft, während die dunkelhäutigen Diener Lanyshas ihm folgten wie ein Rudel lauernder Wölfe.
Im hintersten Raum schliesslich fand er sie, seine Lanysha, angetan mit einem saphirblauen ätherischen Kleid, der Leib durchsichtig wie jener eines Geistes, und die Augen voller weißem Feuer, während sie lachend durch eine zuckende, schwärzliche Brühe tanzte, die um ihre Beine strich wie eine Katze um ihren Brotgeber.
"Lanysha, gib mir den Herzrubin zurück." brachte Dartagon am Ende seiner Kräfte hervor, doch sie hielt nicht einmal inne um sich nach ihm umzudrehen.
"Nein! Er gehört mir! Er wird auf ewig mir gehören!" fauchte sie, während sie durch die brodelnde Schwärze am Boden tanzte.
Es war das Ende, und so zog Dartagon sein Schwert, um die Frau zu richten, die er mehr als alles andere liebte...
Doch als er sich auf sie stürzen wollte, fielen die dunkelhäutigen Diener knurrend und zähnefletschend über ihn her, um ihn in Stücke zu reißen. Doch Dartagon's Seele war an den Ring gebunden, und so konnte er nicht auffahren in Imaeath's Himmelreich.
So befahl Lanysha, seinen Leib nähen zu lassen, und hauchte ihm mit der Kraft des Rings Unleben ein, auf dass Dartagon auf ewig ihr Wächter sein möge, um die Tore zu ihren Kammern zu hüten.
So wacht Dartagon seit jenem Tage als finsterer Hüter über die Wolfenfeste, eingesperrt und gefangen in seinem eigenen Verhängnis.