Eisinsel
Die Reling und die Masten ächzen unter der Last von Eis und Schnee. Wie eine zweite Haut bildet sich auf dem Schiff und die Frauen und Männer hüllen sich trotz der anstrengenden Arbeit in dicke Kleidung. Immer wieder kämpfen sie gegen das sich bildende Eis an und entfernen es unter kräftezehrende Mühen, damit die Takelagen, das Steuer und letztlich die Einsatzfähigkeit des Schiffes gewahrt bleiben.
Dichte, weiße Wolken entlässt jeder Atemstoß und dein Blick fällt in der Ferne auf die sich in grau und weiß abzeichnende Insel. Faszinierend und unwirklich mutet diese eisige Welt an, durch die dein Weg dich führt.
„Was ist dort?“, fragst du den Maat neben dir und als dieser sich aufrichtet und dem Blick folgt, erkennst du, dass sich Ehrfurcht, vielleicht sogar Furcht in seinen Augen widerspiegelt.
„Die Eisinsel!“, entgegnet er und will sich schon davonmachen als ob er jedes intensivere Gespräch verhindern wolle.
„Wartet bitte! Sagt mir, warum beschleicht mich das Gefühl, dass ihr diese Insel dort fürchtet?“
Der Maat knirscht mit den Zähnen und murmelt etwas, was in seinem von Raureif heimgesuchten Bart untergeht. Doch die Anweisungen des Kapitäns, den Gästen an Bord sei mit Höflichkeit und Zuvorkommen zu begegnen, sind ihm in Erinnerung und so tritt er gegen sein Streben doch heran.
„Ein kalter Ort, glaubt mir. Doch die Kälte allein ist nicht euer Feind. Schon die Gewässer um diese Insel herum sind tückisch und voller Gefahren.“
Er deutet nach vorn, wo an der Reling einer der dick vermummten Matrosen regelmäßig mit dem Lot die Tiefe bestimmt und laut ausruft.
„Dieses Eis in den hiesigen Gewässern reißt den Schiffsrumpf auf und das hinterhältige dabei ist, dass ihr auf dem Wasser nur eine harmlose Eiskappe erblickt, aber unter dem Wasser gewaltige Eismassen lauern, deren Ausläufer spitz und hart auf Schiffe wie unseres lauern.
Dies ist aber eine Gefahr mit der wir umgehen können. Der Kapitän kennt diese Wasser wie kein anderer.
Die Insel dort aber meiden selbst die, die im Norden zu Hause sind. Sie fürchten sie und erzählen unheilvolle Geschichten über sie. Ein ganzes Dorf dort ist verflucht und jene, die sich dort ansiedeln wollten, kehrten nie zurück. Niemand hörte mehr von ihnen.
Es heißt, dort lauern Eiselfen, Yetis und Trolle in deren Fellen sich Eis und Schnee gefressen hat, so dass man sie erst erblickt, wenn sie schon vor einem stehen und einem das Leben nehmen.“
Der Maat lässt die bedeutungsschweren Worte einen Augenblick wirken und betrachtet dich, bevor er fortfährt.
„Dort geht niemand hin, den man nicht dazu zwingt, glaubt mir. Es ist eine Strafe, diese Insel betreten zu müssen, kein Abenteuer. Eisig ist der Griff dieses Landes dort, der euch nach dem Leben trachtet und seine Bewohner, so es überhaupt wirkliche, lebendige Bewohner sind, tun ihr übriges. Niemand geht dort hin, der nicht muss. Diese Insel ist nicht für uns bestimmt und ihr tut gut daran, euch fernzuhalten. Denkt nicht einmal darüber nach. Ihr findet dort nur den Tod, ein eisiges Grab, mehr nicht!“
Als wäre damit alles gesagt, wendet sich der Maat ab und macht sich davon, noch ehe du weitere Fragen stellen kannst. Als du den Blick wieder auf die weiße Masse in der Ferne lenkst, verspürst du aber den unterschwelligen, lockenden Reiz, der von der eisigen Welt dort vor dir ausgeht. Seemannsgarn, so denkst du. Sie lieben es, düstere Geschichten zu ersinnen und damit Landratten zu erschrecken. Sicher bist du aber nicht, denn der Maat wirkte sehr ernst bei seinen Worten und vielleicht ist es doch besser, den Rat, diese Insel nicht zu betreten, zu befolgen.