Schattenwald
Hoch ragen die Bäume auf, dicht versperrt das Unterholz den Weg und mit jedem Schritt will es scheinen, als wolle sich jeder Dorn, jeder Ast dem Neugierigen entgegenstellen, ihn zu hindern noch tiefer einzudringen in das was von den alten bedächtig - und selten nach Sonnenuntergang - der Schattenwald genannt wird. Selbst im hellsten Mittagslicht ist er erfüllt von geahnten Bewegungen, von erdachten Blicken und der Gewissheit, dass man nicht allein ist. „Elfen.. sie lebten hier, schon bevor wir von den Göttern gedacht waren“ hört man einen sagen und ein Jüngling belächelt des Alten warnendes Wort, zieht hinaus, das Verbotene zu finden, denn wie so viele der Jungen will auch er sich beweisen, hat auch er ein Mädchen, das kichernd am Brunnen seine Dummheit verlacht und deren Augen doch nicht von ihm weichen mögen. Ein einfaches Schwert nimmt er sich, einen Elfen zu fangen. Einen Leib Brot und einen Schlauch mit Wasser, falls es doch etwas länger dauert. Eine handliche Axt, falls es Holz zu schlagen gilt. Sorglos und mit einem Grinsen im flaumbesetzten Gesicht verabschiedet er sich von den höhnenden, besorgten, bewundernden Freunden und schenkt dem Mädchen ein ungelenktes Zwinkern mit dem rechten Auge.
Lachend und kraftvoll schlägt er mit der Axt nach den Ästen, die ihn hindern wollen, tief saugt er die Luft ein, die noch frisch und gut seine jugendlichen Lungen füllt. „Ha, Schattenwald nennen sie dich! Ich habe keine Angst vor deinen Schatten!“ Keine Antwort aus dem Geäst. Kein Vogel der ihm Antwort singt und so geht er weiter voran. Weiter voran. Jeder Schritt in die tiefen lässt die Luft reichhaltiger werden, dicker. Sein Hemd klebt am Oberkörper, der Schweiß rinnt von der Stirn und immer wieder in seine Augen, über die er wischen muss. „Fürchte keine Schatten! Fürchte keine…“ wiederholt er immer. Mal in Gedanken, mal laut den Bäumen entgegen, die mit ewiger Gleichmut auf ihn herabsehen. Dunkler wird es. Neigt sich der Tag schon dem Ende entgegen? Der Jüngling will es glauben und sucht sich etwas Holz zusammen, es mit Zunder zu entzünden, doch was er findet ist feucht und ungeeignet und was er von den Bäumen schlägt saftig und es gelingt ihm nicht, etwas Wärme für die Nacht herbeizurufen. Er lacht laut. „Ha, wer braucht schon ein Feuer, wenn er ein Schwert hat?“ Reckt dabei das Schwert dem nächsten Baum entgegen und lässt es dann wieder sinken. Ein leicht fahler Geschmack breitet sich in seinem Mund aus, denn auch diese Worte wurden von den Schatten gegessen.
Erwachen. Es ist dunkel und immer noch so still, so still. Bleibt liegen, versucht nicht zu atmen, umfasst das Schwert mit festem Blick. Doch zeigt sich nichts. Da eine Bewegung? Nein, nein, da war nichts. Nur eine Täuschung der Sinne. Glaubt sein eigenes Lachen nicht mehr. Durchwacht den Rest der Nacht.
Drei Tage schon ist er verschwunden. Die Eltern besorgt, die Freunde versuchen mit Witzen ihre Sorgen zu vertreiben und das Mädchen hört nur die Hälfte von dem, was am Brunnen so geredet wird, wo sie sonst doch so gerne all diese Kleinigkeiten in sich aufsog. Der Alte, fast blinde Mann, der wie sie so gerne am Brunnen sitzt lächelt traurig: „Er ist nicht der erste, den die Abenddämmerung dort genommen hat, nicht der erste.. nicht…“ Verstummt und erinnert sich an den letzten Jungen der hinausging und nicht auf die Warnungen der Alten hören wollte und flucht über den Schatten, der auch ihn gefunden hat.