Seelenpass

Bereits an den Rändern des Spiegelseetals kann man es sehen, die unvermittelten Veränderungen der Umgebung. Während links und rechts die mächtigen Bergränder näher und näher zusammenzurücken scheinen, wird das Gras heller, die Bäume lichter, die Blumen farbloser. Vögel, die nur wenig zuvor noch sangen und jubilierten, verstummen, oder geben ihre Herrschaft an die Raben und Krähen ab, die mit vereinzelten heiseren Rufen durch den Bergpass gleiten, dunkle Warnungen am blasser werdenden Himmel.

Stoische Geister behaupten, es läge daran, dass nur kurz nach dem Pass die Wüste ihre trockenen, bleichen Finger über das Land strecken würde, eine Laune der Natur also, dass das Land sich binnen weniger Werst vollkommen wandelt, das blühende Leben zurückdrängt und in den stillen Tod übergeht, den die Wüste für so viele Wagemutige bereit hält.

Andere jedoch, wache, argwöhnische Menschen, lauschen ihrem Inneren, dem klammen, bedrückenden Gefühl, etwas sei nicht in Ordnung. Als würde die Welt an diesem Punkt der Landschaft klagen und mahnen, wie kurz nicht die Zeit der Blüte ist, und welch Schicksal jene erwartet, die zu früh und zu sehr nach Yespha suchen.

Inmitten des kommenden Todes, wo die Wiesen gelb verfärbt sind, und die Bäume mühselig der Hitze und Trockenheit trotzen, liegen die Ruinen eines Klosters in der völligen Stille, gerade diesseits der Grenze zur Wüste, und selbst die stets hungrigen Schakale umgehen die bollwerkartigen Gemäuer mit nervösem Hecheln. Kein Laut erklingt des Tages, bis aus das reibende, helle Pfeifen des Windes, der die Kanten und Ecken der Mauern mit feinem Sand schleift und rundet.

Des Nachts jedoch, so wird gesagt, könne man fernes Stöhnen und Wimmern vernehmen, als würde ein Kind weinen, oder aber ein Geist sein Ableben beklagen, und wieder sind es die Geister, denen Wissenschaft und Vernunft mehr bedeutet als Mythen, die sich mit den Abergläubischen streiten.
„Nur der Wind!“ sagen die einen, „nur der Wind, und eure Angst vor dem was damals geschehen ist!“. „Es sind die Seelen der Yesphariter.“ Behaupten die Anderen überzeugt, „die wehklagend um Erlösung durch die Rabenherrin flehen für ihre Fehlungen!“

Nur ungern verlieren die alten Weisen ein Wort über jene Klosterruine, und fragt man sie, so wiegeln sie allzu neugierige Menschen ab. „Es ist lange her, und die Menschen haben daraus gelernt den Göttern zu lauschen anstatt den Göttern zuvorzukommen. Belasst es dabei.“ Sagen sie nur zu gerne. Lediglich einige wenige, von Gram Gebeugte wispern in einem ruhigen Moment: „Jemand sollte sie erlösen. Sie haben lange genug gebüßt für ihre Sünden.“
Meist kehrt jedoch daraufhin Stille ein, denn wer will sich schon mit dem Tod anlegen, oder gar mit dem Untod?