Spiegelsee
„Warum das Spiegelseetal seinen Namen trägt, wollt Ihr wissen?“ Ein warmherziges Schmunzeln tritt auf die Lippen des alten Geschichtenerzählers und lässt die Runzeln in seinem Gesicht tiefer werden. „Dann versucht es und wagt Euch, solange die Sonne noch scheint hinein. Immer an den Ufern des Flusses lang, dann werdet Ihr drauf stoßen,“ erklärt er mit aller Selbstverständlichkeit der Welt. Erst nach einer bedeutenden Pause, gerade so lang, um einen Zug aus der Pfeife zu nehmen und ihn genüsslich auszustoßen, fährt er gedämpfter fort. „Es ist der See. Ihr habt sicher schon einmal Euer Spiegelbild im Wasser betrachtet. Und sicher war es Euch wie eine Fratze. Aber dort...“ gewichtig schüttelt er sein von weißem Haar wie von Schnee bedecktes Haupt, „dort scheint das Wasser immer ruhig, immer glatt und kein Kräuseln verzerrt Eure Züge.“ Einen Moment lauscht er und nickt schließlich bedächtig. „Ja, ich habe selbst hinein gesehen. Ein, zwei Augenblicke. Denn...“ seine Stimme senkt sich zu einem baren Flüstern, “es gehen die Geschichten um, daß so manch einer nicht mehr auftauchte, der auszog, um einen Blick dort hinein zu werfen. Und die Bauern beten zu den Göttern um nicht allzu hübsche Töchter, denn nicht nur eine verschwand dort an den Ufern, nachdem sie zu lange in ihr eigenes Antlitz blickte. – Ertrunken?“ Ein stilles, wenig humorvolles Auflachen erklingt. „Vielleicht. Vielleicht war es auch das unsichtbare Wasservolk, das sie an sich riß, um sie zu strafen für ihre Eitelkeit.“