Spiegelseetal

In die Arme des Sturmgrates schmiegt sich das Tal des Spiegelsees; ein Ort der Ruhe und Stille, der sich, vor den heissen Winden der Wüste durch die westlichen Ausläufer des Sturmgrates beschützt, in die Weiten des Landes hin in sanften Wellen öffnet. Doch so unscheinbar es abseits das Wassers wirkt, so viel weiss sich dem zu offenbaren, der sich der Stille öffnet.

„Fast ein Jahr hab ich dort verbracht, Jungchen.“ Der Alte, der wie stets auf der kleinen Bank vor der Taverne sitzt, legt eine Pause ein, um die soeben gestopfte Pfeife zu entzünden, und ein Funkeln tritt in die fältchenumgebenen Augen, um ihnen einen Glanz der Abenteuerlust vergangener Tage wieder zu geben. „Und glaub mir, dort gibt es mehr zu entdecken als du an diesem einen Vormittag entdeckt hast.“ Hinter der Schar von Kindern steht ein Junge, der erste Flaum auf seinen Wangen kündet vom Schritt zum Manne hin, und bedenkt den Alten mit einem spöttischen Blick. „Aber dort ist nichts, was es hier nicht auch gibt. Nur viel stiller. Nicht einmal die Wölfe lassen sich dort jagen, weil sie nicht zu finden sind.“ Abwinkend macht er sich daran, sich umzuwenden. Kindermärchen sind lange nichts mehr für ihn.

Doch die Kleinen hängen wieder an den Lippen des Alten, als er dem Jungspund nachsichtig zulächelt, eine Wolke dichten Rauches aushustet und nach einem krächzenden Räuspern fortsetzt. „Es ist kein Ort für die, die nach nichts gieren als nach Abenteuern und Gefahren. Geduld... die muss man schon mitbringen, wenn man das Tal aufsucht. Aber hütet euch davor, euch in Sicherheit zu glauben! Nur am Tag halten dort die lichten Götter ein Auge auf euch, wenn die Luft so rein und klar ist, daß man glaubt, der See mache sie zu seinem Eigen. Dann schützt er auch die Tiere, und ihr werdet sie hören, die Stimmen der Vögel, das Röhren der Hirsche und vielleicht das Heulen eines Wolfes – aber nur, wenn er euch lässt, werdet ihr sie auch sehen. Wie sie aus den Wäldern herausschauen und euch beäugen, ihr, die ihr die Ruhe des Tales unterbrecht.“

Ein paar Mal pafft er schmauchend Rauch aus, sein Blick verliert sich in Erinnerungen zurück. „Aber wenn der Grat seine Nebel herunterschickt am Tage, dann seid besser fern. So dick sind sie, daß man den Boden unter den Füssen nicht erkennen kann, daß man keinen Laut mehr hört, nur noch den eigenen Atem und das Pochen des Herzens. Dann kann es schnell passieren, daß man Dinge sieht. Wesen. Aber noch schlimmer ist es, wenn man nahe des Wassers überrascht wird...“

Er bricht unvermittelt ab und sieht sich ernst und mahnend unter den Kindern um, die Pfeife im Mundwinkel. „Das ist eine andere Geschichte, die ihr hören werdet, wenn ihr größer seid. Aber gut...“ wieder stiehlt sich ein Hauch des gutmütigen Lächelns zurück, als ein leises Murren durch die Reihen geht. „... dann lasst mich weiter vom Tal sprechen. Hüten soll man sich dort auch vor der Nacht. Plötzlich kommt sie, wenn die Sonne hinter dem höchsten Grat verschwindet und von einem Moment zum anderen nur noch Dunkelheit da ist. Und dann, wenn die Tiere des Tages sich zurückgezogen haben und eine Weile nur Stille sich über das Tal gelegt hat, kommen die Tiere der Nacht. Leise, schleichend, manchmal hört man das Wittern eines Wolfes, wenn er sich nähert, und dann dreht euch nicht um, um ihn zu sehen, wartet nicht ab, bis er knurrt!“ Er lehnt sich zurück, die schreckgeweiteten Augen der Kinder mit Genugtuung wahrnehmend.

„Aber hier,“ schliesst er an, ehe der Schreck sich zu sehr setzen kann, „seid ihr sicher.“ Und fügt leise, nur für sich hinzu, als die Pfeife zurück zwischen seine Lippen findet „... wenn sie nicht hierher finden.“